Rezensionen und mehr

Bassiona amorosa
Potsdamer Neueste Nachrichten, 28.9.2013

Nordische Zaubernacht – Liederabend Anne Sofie von Otter
Potsdamer Neueste Nachrichten, 17.6.2013

Achtung Hochspannung Kammerakademie Modern
Potsdamer Neueste Nachrichten, 27.4.2013

Arezu Weitholz: Wenn die Nacht am stillsten ist
Märkische Allgemeine Zeitung, 8.9.2012

Eva Baronsky: Herr Mozart wacht auf
Märkische Allgemeine Zeitung, 17.12. 2011

Paul Verhaeghen: Jahrhundert der Menetekel
„Omega minor“
09.09.2006

Daphne de Marneffe: „Die Lust Mutter zu sein“
04.03.2006

„Spiel unter Freunden – Mozart und Schönberg“
mit der Kammerakademie Potsdam
19.4.2004

Fernando Solanas erhält den Goldenen Bären für sein Lebenswerk
10.3.2004

“Die Rote Kapelle” von Stefan Roloff
11.12. 2002

Zum Filmlivekonzert „The Circus“
12.11.2002

Ottmar Ette „Weltbewusstsein – Alexander von Humboldt
und das unvollendete Projekt einer anderen Moderne“
03.04.2002

Fundstückaus dem Nachlass der Gärtnerin Barbarina

 

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Bassiona amorosa

Wenn die Kontrabässe summen und brummen, hat das einen ganz speziellen Reiz. Und keiner hat das Spiel auf diesen Orchesterelefanten so perfektioniert wie Bassiona amorosa. Das weltweit wohl einzigartige Kontrabassensembles bescherte der Erlöserkirche in der Brandenburger Vorstadt ein sehr gut gefülltes Haus und den Zuhörern ein reines Vergnügen. Es war das erste Konzert nach zwölf Jahren in der Wahlheimat von Klaus Trumpf, der die Formation vor sechzehn Jahren gegründet hat. Der 73jährige ehemalige Solokontrabassist an der Staatsoper Berlin und Professor an der Münchner Musikhochschule führte begeistert durch das abwechslungsreiche Programm. Die Freude, dass seine einstigen Schüler solch ein grandioses Ensemble bilden, war ihm anzumerken. Inzwischen spielen sie in renommierten Orchestern und kommen nur noch für die Konzerte von Bassiona amorosa zusammen. Gemeinsam bilden sie eine unwiderstehliche Mischung aus Musikalität, Spielwitz und Virtuosität. Wer sie nur gehört und nicht gesehen hat, mag nicht glauben, dass es sich dabei um eine reine Kontrabass-Formation handelt. Da schmeicheln schmusige, lange Töne wie dunkler Honig, markantes, dringliches Zupfen erfüllt den Raum mit urigen Vibrationen, mal klingt es tenoral wie im Cello oder sogar bei einer Bratsche, dann wieder treiben und reiben sonore Bogenstriche im Unisono voran. Sie spielen zu zweit, im Quartett oder Quintett und manchen Stücken setzte die großartige Pianistin Lilian Akopova zusätzlich funkelnde Glanzlichter auf. Originalwerke und Arrangements aus Klassik und Romantik, aber auch Zeitgenössisches kommen zu Gehör.

Wenn zu Beginn der zweite Satz aus Mozarts Klavierkonzert C-Dur erklingt, hat das etwas ungemein Beruhigendes und zeigt zudem, dass auch der Kontrabass sehr schön singen kann. Johann Spergers fabelhaftes Duo für zwei Kontrabässe und Giovanni Bottesinis theatralische „Passione amorosa“ versprühen ein Feuerwerk der Töne, weit mehr, als man sonst von diesem Instrument zu hören bekommt, fünfeinhalb Oktaven insgesamt. Bei Paganinis „Karneval in Venedig“ führt Roman Patkoló mit springendem Bogen, flitzenden Fingern und schön schrägem, hohen Spiel am Steg artistische Kunststücke vor. Rasant und jazzig erklingen drei Kompositionen von Giorgi Makhoshvili, der selbst am Kontrabass steht. Daneben lassen Artem Chirkow, Andrej Shynkevich und Ljubinko Lazic ihre Bässe erklingen. Die technischen Anforderungen sind bei diesem so oft unterschätzten Instrument enorm, aber der Gewinn ist hoch. Denn seine Klänge erreichen tiefere Schichten der Empfindung als andere, wie sich auch in dem originellen vielschichtigen kleinen Stück „Little Prince“ von Mikhail Taariverdiev zeigt. Das umjubelte Konzert von Bassiona amorosa hat Friedrich Schillers Behauptung, dass der Mensch nur im Spiel ganz Mensch ist, einmal mehr bestätigt.

Babette Kaiserkern

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Über: Eva Baronsky: Herr Mozart wacht auf,

Natürlich ist es ein Wagnis ausgerechnet über Mozart einen Roman zu schreiben. Wurde nicht schon alles gesagt in zahllosen Fachbüchern und der schönen Literatur sowie unzählige Male von der Werbung wiederaufgekocht? Doch mit „Herr Mozart wacht auf“ ist Eva Baronsky ein kleines Wunder gelungen, das nicht ohne Grund jetzt als Taschenbuch erschienen ist.

Was alles passiert, als Wolfgang Amadeus Mozart vom Totenbett aufsteht und 250 Jahre später in der Stadt Wien erlebt, erzählt Baronsky grandios komisch, kenntnisreich und liebevoll zugleich. Abgesehen vom Stephansdom erscheint dem Musiker alles fremd. Mit Dingen wie elektrischem Licht, Öfen ohne Feuern, Handys, Computern und Autos („Fuhrwerke ohne Pferde“) muss er sich erst genauso vertraut machen, wie mit manch seltsamen Sitten in der Bekleidung und des zwischenmenschlichen Umgangs unserer Zeit. Dass zwischen Mozarts Zeit und unserer Welten liegen, wird besonders klar an den unterschiedlichen Ausdrucksweisen. Neben Mozart höflicher, ehrerbietiger Sprache wirkt das Heutige grobschlächtig und direkt. Außer wenn es als gebrochenes Deutsch mit polnischer Wortstellung daherkommt, wie bei Piotr Potocki, einem polnischen Geiger und Straßenmusiker, der zum Freund des seltsamen Menschen mit Namen Wolfgang Mustermann wird. Diesen Namen hatte sich Mozart aus Angst vor Entdeckung gegeben. Dass ausgerechnet Pjotr sagt: ”Wenn ich Musik von Wolfgang höre, denke ich, ist er kleine Bruder von liebe Gott“ macht die Huldigung an das musikalische Genie umso anrührender. Eva Baronskys empfindsame Versenkung in Mozarts Werke zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Requiem, die letzte Komposition, den roten Faden bildet. Die einzelnen Teile der Totenmesse, wie „Kyrie“, „Sequenz“ oder „Sanctus“ fungieren als Kapitel-Überschriften. Nichts weniger als ein Wunder ist auch, dass Eva Baronsky ein fantastisches Finale erfindet, in dem es Mozart endlich gelingt, das fehlende „Lacrymosa“ zu komponieren. Wohl kein anderes Buch hat bisher so tragikomisch, tiefempfunden und tröstlich von Mozart erzählt. Bisweilen erscheint die Annäherung nahezu magisch, gerade im Tonfall der Sprache. Wie Mozart in seinen Briefen weiß auch Baronsky virtuos auf der Klaviatur von Parodie und Persiflage spielen. Selbst die Kenner werden an diesem Buch Vergnügen finden.

Babette Kaiserkern

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Potsdamer Neueste Nachrichten – 12.11.2002

Affentempo – Melancholie

Charlie Chaplins „The Circus“ als Filmlivekonzert

Was der große Filmkritiker Rudolf Arnheim im Jahr 1929 prophezeit hatte, ist verblüffend genau eingetroffen: Siebzig Jahre danach sind die Filme von Charlie Chaplin Klassiker und er selber gilt als alter Meister. Sein Film „The Circus“ aus dem Jahr 1928, der als Filmlive-Konzert im restlos ausverkauften Nikolaisaal in Potsdam gezeigt wurde, war ein Fest für Augen und Ohren, Herz und Gemüt. Mit der Aufführung von Chaplins eigener Musik durch das Deutsche Filmorchester Babelsberg geriet die Vorstellung zu einer bewegenden Huldigung an Charles Chaplins Künste. Wie an den begeisterten Zuschauerreaktionen zu merken war, hat sich die Wirkung dieses wohl größten Universalkünstlers des 20. Jahrhunderts noch lange nicht erschöpft. Menschlichkeit heißt Chaplins Zauberwort, ein Wort, das in der Vergangenheit beinahe untergegangen ist.

„The Circus“ überträgt die alte Metapher vom Leben als Theaterstück in die Zirkusvariante. In diesem wohl irrwitzigsten und melancholischsten Film von Charlie Chaplin wird der kleine Tramp, der mehr als sonst ein Getriebener und Verfolgter ist, zum Clown – zunächst wider seinen Willen. Nach anfänglichem Versagen in Szenen, in denen Chaplin ziemlich realistisch die alltägliche Arbeit der Clowns zeigt, erkennt der Zirkusdirektor seinen Unterhaltungswert und nutzt ihn skrupellos aus. Das Jobangebot kann der Vagabund nicht ausschlagen, und die Liebe zu einer Zirkusreiterin – welch ein romantisches Motiv – bringt ihn dazu, die irrwitzigsten Zirkusnummern einzustudieren. Charlie Chaplins Drahtseilakt hoch über den gaffenden Menschen als ein Seiltänzer, der von freigelassenen Affen gepiesackt wird, ist zweifellos eine der eindrucksvollsten Szenen der Stummfilmgeschichte und erinnert in ihrem absurden Aberwitz an Francisco de Goyas bizarre Radierungen der menschlichen „Caprichos“ und „Disparates“. Diese Geschichte kann kein Happy End haben und so endet „The Circus“ wehmütig – während der Zirkus weiterzieht, bleibt der Tramp im leeren Zirkusrund zurück.

Vierzig Jahre nach der Entstehungszeit des Films komponierte Charlie Chaplin eine kongeniale Musik dazu. Eingeleitet wird sie von einem gefühlvollen Lied « Swing, little girl, swing », das im Nikolaisaal in der von Chaplin selbst gesungenen Fassung zu hören war. Hier zeigte sich erneut das Multitalent Chaplins, der mit damals schon über siebzig Jahren noch über einen schönen Bariton verfügte. Die Filmmusik unterstreicht die Spannungen des Films zwischen Affentempo und Melancholie nur noch mehr. In einfachen Rhythmen und eingängigen Harmonien wechselt die Musik von schnellen Märschen, Foxtrott und Swing-Metren zu romantischen Walzermelodien. Da dürfen Solo-Geige und Cello – Instrumente, die Chaplin selbst spielte – schon mal innig aufspielen und von den emotionalen Abgründen des einsamen Clowns erzählen. Das Deutsche Filmorchester in großer Besetzung spielte unter der Leitung von Helmut Imig in gewohnt guter Weise mit Schwung und hinreißendem Sound.

Mit „The Circus“ ging für Chaplin die Epoche des Stummfilmes zu Ende. Selbst er konnte sich nicht länger dem Zug der Zeit widersetzen. Es war daher um so schöner, dass im Nikolaisaal mit der filmisch-musikalischen Wiedergabe von „The Circus“ ein Abend ganz im Geist von Charlie Chaplin zu erleben war.

Babette Kaiserkern

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Märkische Allgemeine Zeitung – 10.3.2004

Imagination und Phantasie

Es gab einmal eine Zeit, da wollten Filmregisseure nicht nur Filme machen, sondern noch dazu die Gesellschaft verändern. Ihre Filme sollten Waffen sein im revolutionären Kampf gegen Armut, Ausbeutung und Unterdrückung. Was heute womöglich als Ausgeburt jugendlicher Selbstüberschätzung ausgelegt wird, bewegte in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts weltweit die Köpfe einer ganzen Generation. Einer daraus ist der argentinische Regisseur Fernando Ezequiel Solanas, der in diesem Jahr den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhält. „Wir freuen uns, diesen großartigen und mutigen Regisseur auszuzeichnen“, kommentierte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick die Entscheidung für einen Filmemacher, dessen politisches Engagement elementar und mitunter riskant mit seinen Werken und seinem Leben verknüpft ist.

Wogen der Begeisterung löste Fernando Solanas’Dokumentarfilm „La hora de los hornos“ („Die Stunde der Feuer“) bei seiner Uraufführung 1968 im italienischen Pesaro und kurz darauf in Berlin aus. Das viereinhalbstündige Epos, das in Argentinien offiziell erst 1973 gezeigt werden konnte, ruft leidenschaftlich agitierend zum Kampf für die Befreiung der lateinamerikanischen Länder auf. Der oft fälschlich mit „Die Stunde der Hochöfen“ übersetzte Titel bezieht sich auf ein Gedicht des kubanischen Nationaldichters und -Helden

José Martí: „Es ist die Stunde der Feuer und es ist nichts zu sehen als das Licht.“ Gesprochen wurden diese metaphorischen Verse von Che Guevara, Argentinier wie Solanas, bei seiner berühmt gewordenen Ansprache in Havanna 1966. „Die Stunde der Feuer“ will jedoch kein Denkmal für den 1967 ermordeten Revolutionär sein, sondern ein revolutionärer Film in dessen Geist. Bei der Vorführung sollte unter der Leinwand ein Zitat des Befreiungstheoretikers Frantz Fanon stehen: „Jeder Zuschauer ist entweder ein Feigling oder ein Verräter.“ Dies ist zwar ein dialektischer Knock-out des Filmmediums, aber er illustriert zugleich Solanas’cineastische Intentionen. Widersprüchliche, aufrüttelnde Bildmontagen im Stil der russischen Stummfilm-Pioniere, Fakten, Interviews, Schrifttafeln, fiktive und dokumentarische Szenen in schnellem Rhythmus sollten „ein Kino der Erkenntnis, des Denkens, der Ideen, ein Kino im Sinne des Essays hervorbringen.

Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern zerschlugen sich die revolutionären Hoffnungen auch in Argentinien mit einem Militärputsch. Fernando Solanas musste nach Frankreich emigrieren. Doch die Passion für seine Heimat ließ den 1936 in Buenos Aires geborenen „Vater des Befreiungskinos“ nicht los. Seine Filme „Tangos, das Exil von Gardel“ (1985) über den berühmtesten aller Tangosänger, Carlos Gardel, und der ganz in blau-schwarze Farben getauchte „Sur“ (1988, Regiepreis in Cannes) beschwören politisch brisante Vergangenheit und persönliche Erfahrungen mit poetisch-allegorischen Erzählweisen und ästhetischen Stilisierungen. Weitaus drastischer porträtierte Solanas in Film „Die Reise“ (1992) die lateinamerikanische Realität mit ihren selbst 500 Jahre nach der Kolonisierung immer noch ungelösten Problemen. Auf einem Fahrrad – selbstbewusstes Filmsymbol, das nicht zuletzt an Vittorio de Sicas unvergesslichen „Ladri de biciclette“ erinnert –, fährt ein Siebzehnjähriger von Feuerland bis Mexiko. „Die Reise“ ist eine Art Antiroadmovie, eine Odyssee auf der Suche nach der lateinamerikanischen Identität, in der Fiktives und Dokumentarisches, Pathos, Satire und Allegorie im Sinn des „Magischen Realismus“ höchst eindrucksvoll miteinander verschmelzen. „Die lateinamerikanische Sprache ist voller Imagination und Phantasie,“ erklärte Fernando Solanas 1993 im Gespräch mit der Märkischen Allgemeinen.„Die Metapher und die Anspielung sind essentielle Elemente davon, wie die Romane von García Márquez oder Cortázar“.

Babette Kaiserkern

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Potsdamer Neueste Nachrichten – 19.4.2004

Spiel unter Freunden

Vorsicht vor den Worten! Gerade die Musik spricht eine Sprache, die mit Worten nur unzulänglich wiedergegeben werden kann. Hier kann mit Worten vieles verdeckt und verzerrt, entfremdet und entstellt werden. Und gerade hier kann auf exemplarische Weise genaues, vorurteilsfreies Zuhören geübt werden. Auf Überraschungen sollte man dabei stets gefasst sein. Das c-moll –Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart etwa gilt als „tragisches Stück par excellence“ (A. Brendel), in dem „Trauer, Pathos und Leidenschaft“ ausgedrückt werden. Doch davon war bei dem Konzert mit dem Pianisten Bruno Canino und der Kammerakademie Potsdam im Nikolaisaal wenig zu hören.

Eine tragische Aura wird auch der c-moll-Sinfonie op. 52 von Joseph Haydn zugeschrieben, mit der die Kammerakademie das Konzert begann. Vom ersten Satz an entluden sich die „expressiven Energien des Sturm und Drang“ in perfekt ausbalancierter Rhetorik der musikalischen Mittel. Mitten im brausenden Streicherwirbel ertönten kräftige Bläserfanfaren wie Warnsignale, zarte Piano-Stellen lagen wie unberührte Inseln dazwischen. Poetisch fein gesponnen und von kräftigen Bassaufschwüngen dunkel unterlegt, zeigte sich das Andante. Nach einem knappen Menuett folgte ein Presto mit spielerisch hüpfendem Rhythmus, immer unterbrochen von schrägen Bläserriffen, Schicksalsrufen gleich. Das perfekte Spiel der musikalischen Affekte malte die Kammerakademie mit ernsthafter, effektvoller Rhetorik breitflächig aus.

Als eines der symbolträchtigsten Musikwerke des 20. Jahrhunderts kann die „Ode an Napoleon“ von Arnold Schönberg bezeichnet werden. In diesem Werk für Stimme, Piano und Streicher aus dem Jahr 1942 verleiht der Erfinder der Zwölftonmusik dem Hass auf Diktatoren, Krieg und Unterdrückung kongenial Ausdruck. Das vielschichtige Werk vermittelt mehrdeutig zwischen historischer und aktueller Zeitebene und verwendet die Musik subjektiv unverblümt und offen ideologisch, um den Worten kraftvoll-emotionalen Ausdruck zu verleihen. Sprache und Musik ergänzen sich hier ähnlich wie in einem Turba-Chor aus einer Passion von Johann Sebastian Bach, allerdings „spricht“ die Musik hier unmissverständlich in den Klängen 20. Jahrhunderts.

Jede Strophe der sarkastischen, verächtlichen „Ode an Napoleon“ von Lord Byron – eigentlich eine Parodie der antiken Lobesode und eine Schmähung von Napoleon nach seiner Verbannung –, hat Arnold Schönberg mit differenzierten, gebührend grellen Klängen aus dem geballten Arsenal der atonalen Musik unterlegt. Mächtige Sturzwellen bitterbösen Hasses ergießt die Musik über das damalige Ziel des Hasses, Hitler. Der fantastische Bariton Richard Salter skandierte und dramatisierte mit durchschlagender Stentorstimme und erwies sich als quicklebendiges Medium für die Botschaft. Nicht zuletzt Pianist Bruno Canino und die äußerst lebendige Interpretation der Kammerakademie versetzten das Werk eindrucksvoll ins Hier und Jetzt, das leider noch immer genügend aktuelle Anlässe für ein Werk wie dieses bietet.

Einen locker-leichten und versöhnlichen Ausklang bot das Klavierkonzert c-moll von Wolfgang Amadeus Mozart. Der italienische Pianist und Grand Seigneur Bruno Canino interpretierte das Werk fern jeder verklärenden Romantik, nüchtern, glasklar und klangvoll. Von idealisierender Tragik, „titanischem Trotz“ war da nichts spürbar – was übrigens schon Wolfgang Hildesheimer in seiner herausragenden Mozart-Monographie zu KV 491 erstaunt vermerkt hatte. Sprudelnd wogende Tonketten, festlicher Klang, ein Spiel unter Freunden – so erschien das Konzert, bei dem die ersten Geigen und die Bläser rund um das Piano platziert waren. In geradezu kindlich-schlichtem Tonfall eröffnete Canino den zweiten Satz, der vom Orchester mit anmutiger Leichtigkeit aufgenommen wurde. Gerade die kammerakademischen Bläser bewiesen erneut ihre hervorragende Präsenz. Auch der letzte Satz war geprägt von perfektem Zusammenspiel aller gemeinsam ohne Starkult. Dass er über hervorragende pianistische Technik verfügt, stellte Bruno Canino nicht aus. Virtuose Brillanz zeigte er erst zuletzt in der hinreißenden Zugabe, dem „Türkischen Marsch“ aus Mozarts Sonate KV 331.

Babette Kaiserkern

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Märkische Allgemeine – 11.12.2002

Ein Buch über „Die Rote Kapelle“

Entzerrtes Bild vom Widerstand

Keine andere Widerstandsgruppe gegen die Nazi-Diktatur ist von beiden ehemaligen deutschen Staaten derartig ideologisch vereinnahmt worden wie die Rote Kapelle. Dabei entstanden ebenso positive wie negative Legenden, die das Bild dieser Gruppierung bis heute verfälschen. Während die Angehörigen der Roten Kapelle in der DDR zu KPD-gelenkten antifaschistischen Volkshelden stilisiert wurden, verfemte man sie in Westdeutschland als kommunistische Vaterlandsverräter.

Dass diese Darstellungen die vielfältigen Aktivitäten der sogenannten Roten Kapelle nur einseitig wiedergaben, wird jetzt in einem ungewöhnlichen Buch von Stefan Roloff dokumentiert. Die sehr persönliche Vorgehensweise des Verfassers, der als Maler und Filmemacher in New York lebt, ermöglichte eine exemplarische Darstellung, ohne dabei auf eine Fülle von historischen Fakten zu verzichten. Ausgehend von der Geschichte seines Vaters, Helmut Roloff, Pianist, ehemaliger Direktor der Hochschule für Musik in Berlin (West) und einer der letzten Überlebenden der Roten Kapelle, unternimmt der Autor eine ausgedehnte Zeitreise in die Vergangenheit.

Im Herbst 1942 war Helmut Roloff ebenso wie 125 weitere Personen, die sich in der später so genannten „Roten Kapelle“ engagierten, von der Gestapo festgenommen worden. Während 48 der Festgenommenen, darunter Arvid Harnack, Harro Schulze-Boysen, Hans und Hilde Coppi, zum Tod verurteilt und hingerichtet wurden, kam Helmut Roloff mit einem halben Jahr Haft davon.

Sie konnten nicht tatenlos zusehen

Helmut Roloffs bürgerliche Herkunft als Sohn eines Geschichtsprofessors, der in einer Vorlesung das Dritte Reich eine vorübergehende Erscheinung genannt hatte, prädestinierte ihn zum Widerstand. Seine Mitstreiter kamen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Die Rote Kapelle war die Widerstandsgruppe mit dem höchsten Frauenanteil und einem breiten Spektrum aus Sozialisten, Katholiken, Arbeitern, Aristokraten und Künstlern.

Bei allen weltanschaulichen Differenzen stimmten die Angehörigen der Roten Kapelle in einem Punkt überein: Sie verabscheuten das Hitler-Regime. Tatenlos zusehen konnten sie nicht. Sie unterstützten Juden, protestierten mit Flugblattaktionen, informierten Amerikaner und Russen.

So berichtet Karin Reetz, eine Tochter des hingerichteten Journalisten John Graudenz, wie ihr Vater und Hans Coppi versucht hatten, ein Funkgerät auf dem Dachboden ihres Hauses zu installieren. Ein Kontakt sei jedoch wegen der hohen Bäume nicht zustande gekommen. Derlei Details, biografische Skizzen, bewegende Abschiedsbriefe, Fotografien, künstlerische Zeichnungen aber auch Aktendokumente und Prozessaussagen montiert der Autor freizügig aber stringent ineinander. Private Äußerungen und öffentliches Wirken verschmelzen, wobei die Grenzen traditioneller Geschichtsschreibung gelegentlich überschritten werden. Das mit dem Journalisten Mario Vigl geschriebene Buch basiert aber auf den von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand publizierten Forschungsergebnissen.

Aktivitäten wurden ideologisch interpretiert

Wie die Rote Kapelle nach 1945 zu einer Waffe im Kalten Krieg geworden ist, zeigte sich in Presseserien im „Stern“ und im „Spiegel“ oder im Defa-Film „KLK an PTX“. Vielleicht lag gerade im undogmatischen Engagement gegen die Menschenfeindlichkeit der Nazidiktatur der Grund für die ideologische Besetzung der Roten Kapelle in beiden deutschen Staaten. Aufschlussreich ist der satirische, in der Gestapo-Haft geschriebene Roman „PLN“ des Romanistikprofessors und Angehörigen der Roten Kapelle Werner Krauss. Darin geht es um eine alptraumhafte Staatsdiktatur und die ihr unterworfene Volksgemeinschaft, von denen sich die subversiven Postfrevler (die Rote Kapelle) in einem „Bund für unentwegte Lebensfreude“ distanzieren.

Trotz des grausamen Endes mancher Lebenswege der oft sehr jungen Widerstandskämpfer vermittelt das vielschichtige Buch von Stefan Roloff eine positive Einstellung zum Leben, die gerade für junge Leser anregend sein dürfte.

Einziges Manko des Buches sind fehlende Nachweise der Zitate, dafür enthält es ein Register und eine Literaturliste.

Babette Kaiserkern

Stefan Roloff: Die Rote Kapelle. Die Widerstandsgruppe im Dritten Reich
und die Geschichte Helmut Roloffs.

Ullstein, 357 Seiten, 22 Euro.

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Aus dem jüngst aufgefundenen Nachlass der Barbarina, Nachfahrin in fünfter Generation der Barbarina, Tochter des Antonio, Gärtner des Grafen Almaviva.

Prosaische Elegie „Per voi che sapete che cosa è amor“

Szenische Version – Almaviva jr. + Barbarina

Text auf Anfrage

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