Wie die Liebe zum Menschen kommt

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Märkische Allgemeine Zeitung– 04.01.2006

Nicole Krauss weiß das Geheimnis

BABETTE KAISERKERN

Weder Bildende Kunst, noch Musik, noch Film können als Domänen der Liebe bezeichnet werden, sondern allein die Literatur. Fast alle Literaten des Abendlandes – angefangen bei König Salomo über Platon, Ovid, Dante – haben an der „Erfindung der Liebe“ mitgeschrieben. Diese Redewendung geht auf ein Buch zurück, mit dem die Berliner Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders vor zehn Jahren die Fachwelt begeistern und überzeugen konnte.

Unzählige Erzählungen, Gedichte und Traktate kreisen um die Idee der Liebe und bilden eine Urschicht unserer Kultur. Jetzt hat die junge amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss dieses ewige Thema fortgeschrieben – auf eine ganz eigene, moderne und sehr gut lesbare Art. Nicole Krauss und ihr Ehemann, der erfolgreiche Schriftsteller Jonathan Safran Foer, gelten als das neue Traumpaar der amerikanischen Literatur.

Ein Kunststück ist schon der Romantitel „Die Geschichte der Liebe“, der mit seiner lapidaren Kürze die Essenz des Romans wiedergibt, wenn er auch erstmal unter dem in Deutschland üblichen Kitschverdacht stehen mag.

Ein fiktiver Text über die Liebe bildet den roten Faden im vielschichtigen Roman von Nicole Krauss. Vor dem zweiten Weltkrieg hat Leopold Gursky das Buch „Die Geschichte der Liebe“ für seine Freundin Alma Mereminski in jiddischer Sprache geschrieben. Alma wird von ihrem Vater nach Amerika geschickt, die Verbindung zu Gursky endet, doch ein Sohn geht daraus noch hervor. Veröffentlicht wurde Gurskys Buch in spanischer Sprache und unter Pseudonym.

Der Vater einer anderen Alma, der Ich-Erzählerin, entdeckt das Buch in Buenos Aires und schenkt es seiner zukünftigen Frau als Zeichen der Zuneigung. Ihre Tochter nennen sie ebenfalls Alma. Diese Alma, deren Name auf spanisch „Seele“ bedeutet, begibt sich auf die Suche nach dem Verfasser des Manuskripts, das ihre Mutter, eine Übersetzerin, eines Tages von einem Unbekannten mit der Bitte erhalten hat, es ins Englische zu übertragen.

Wie die junge, rebellische Alma und der einsame, achtzigjährige Gursky nach langer Suche einander begegnen, erzählt Kraus überaus lakonisch und sachlich. Sie beginnen zu ahnen, wie ihrer beider Leben und das vieler anderer skurriler und origineller Personen durch das Buch über die Geschichte der Liebe miteinander verbunden sind. Die Handlung geht aus der New Yorker Gegenwart zurück in die europäisch-jüdische Vergangenheit. Doch bei aller historischen und räumlichen Konkretion des Textes: Allein die Liebe, deren Substanz bloße Worte sind, kann sich über alle Zeit-, Länder- und Sprachgrenzen hinwegsetzen und zwischen den Erinnerungen, Fantasien und Sehnsüchten der Menschen unsichtbare Bänder weben.

Was wohl kaum einem zeitgenössischen Schriftsteller noch gelingt, schafft Nicole Krauss virtuos: einen ebenso lebendigen wie poetischen Roman über die Liebe zu schreiben, der durch den lakonisch-trockenen Ton der Ich-Erzählerin und die coole Umgangssprache in den Dialogen authentisch wirkt und zugleich das uralte Thema neu erzählt. Nicole Krauss hat überzeugend dafür gesorgt, dass die Literatur die eigentliche Domäne der Liebe bleibt.

Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe. Rowohlt, 345 Seiten, 19,90 Euro.

 


 

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